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Der Kandidat

 

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Es gibt keinen aktuellen Spielplan.
 
Deutschland
2005
90 min
FSK: 12
Nach sieben Monaten Wahlkampf und 50 Drehtagen gestand Thomas Schadt: Er könne nicht sagen, Gerhard Schröder getroffen zu haben. "Gesehen und gehört habe ich den Kandidaten." Inwieweit der mit dem Menschen Schröder, "der dahintersteckt", übereinstimmt, "das mag ich nicht entscheiden". Es ist Thomas Schadts spröder Stil, sein funktionalistischer Blick auf Menschen im sozialen Getriebe, der den Blick auf die kleinen Fehlfarben der Bilder lenkt. Die Nähe, die Schadt in seinen Langzeit-Dokumentationen aufbaut (wie im Bayern-München-Film "Elf Freunde müßt ihr sein"), verführt ihn nie zur Kumpanei oder zum getrübten Blick des in den inneren Zirkel Zugelassenen. Er bewahrt eine fast argwöhnische Distanz, die weit entfernt ist vom eilfertigen Kolportieren oder Mitgestalten von Überzeugungen.

Gleich zu Beginn zeigt er Schröder bei einem Auftritt in der Endphase der Niedersachsenwahl im Februar. Energisch fordert Schröder, daß es keinen Sinn mache, über die Aussteiger-Jugend "zu quatschen", wenn man ihr keine Chance zum Einstieg biete. Den so spontanen Wahlspruch fügt Schadt noch vier weitere Male ein - und obendrein die Regie-Anweisung von Schröders Kampagnen-Koordinator Matthias Machnig. Der berichtet vom Rat eines Kollegen aus dem Clinton-Team, erst wenn der Kandidat, der Planungsstab, der Pressesprecher und die Journalisten einen Satz nicht mehr hören könnten, sei man soweit, daß die Öffentlichkeit in der Flut der Nachrichten davon Notiz genommen habe. Eine ehrliche, aber nicht überraschende Erkenntnis.

Politiker kann nur werden, wer bereit ist, ständig das gleiche an unterschiedlichen Plätzen zu sagen, ohne sich dabei albern vorzukommen. Verblüffend ist insofern, daß Schröder Schadt als ständigen Begleiter überhaupt geduldet hat. Tony Blair, der gewieftere Medientaktiker, wäre da weniger großzügig gewesen. Schröder lächelt mit stets gleichbleibend kontrollierter Entspanntheit, ob vor oberbayerischer CSU-Lokalprominenz, jungen Hasch-Befürwortern oder aufdringlichen Mailänder Signorinas. Und immer wieder, täglich, schieben sich die Fotografenpulks um ihn, eine erdrückende Nähe, die allein schon das Inszenatorische hervortreten läßt. Schadt konzentriert sich strikt auf die öffentlichen Auftritte.

Kein persönliches Gespräch, nur Momentaufnahmen, meistens mit Journalistenmeute. Die Momentaufnahmen haben es jedoch in sich. Als im Mai im Hannoverschen Landtag eine heftige Debatte über die SPD/PDS-Kontakte in Magdeburg stattfindet, erhascht Schadts Kamera den gelangweilt bis mürrisch aussehenden Schröder, der ungeduldig auf die Armbanduhr blickt. Sicher bis überheblich tritt er hingegen dort auf, wo er Regie führt. Lässig läßt er zwei unangemeldete BR-Reporter links liegen, die ihn wegen der PDS-Debatte vor seinem Landtagsbüro heimsuchen. "Jungelchen", ruft er ihnen nach, als er schon eine Treppe tiefer ist.

Selbst Schröders so offensiv vorgetragene Hemdsärmeligkeit erweist sich als rhetorisches Muster. "Mir hat's sogar Spaß gemacht", erklärt er Hamburger Genossen nach einer Diskussion über Perspektiven der Berufsausbildung. "Mir hat's Spaß gemacht", kommentiert er auch die Frage, ob die Schauspielerei wie in seinem 14-Sekunden-Auftritt in der RTL-Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" für ihn eine Alternative sei. Schröder, das ist das Prinzip locker-leicht, das seinen professionellen Ehrgeiz wie ein Sahnehäubchen umhüllt, aber auch als Schutzmechanismus vor Zudringlichkeiten dient.

Schröder steckt alles routiniert weg. Es gibt eine Szene, die in jedem Film als überzogen kritisiert worden wäre, die aber wohl typisch ist für den seriellen Charakter von Politik. Zwei Filmteams aus Polen und Belgien haben sich auf einer Straße in Ulm direkt nebeneinander postiert. Als das eine Interview zu Ende ist, steppt Schröder sofort vor die Kamera des anderen Teams und fordert erneut die gesellschaftliche Modernisierung. Eine öffentliche Person, die beim Zwang zur ständigen Präsenz und Inszenierung nur selten als privater Mensch erscheint, im Flugzeug etwa, wo er dasitzt wie einer, der den ganzen Kram am liebsten hinter sich hätte und nur noch müde ist.

Thomas Schadt sieht sich selbst in der Tradition des "direct cinema", doch schließlich ähnelt er eher südamerikanischen Mineros, die in staubigen Erdlöchern mühsam nach Silber suchen. Auch Schadts Schröder-Film ist wie ein großes Sieb, in dem zuweilen kostbare Momente der Wahrhaftigkeit auffunkeln oder die Staubkörnchen im Getriebe. Ein bescheidener, mühsamer Ansatz, der jedoch gerade dadurch um so realistischer erscheint.

Dieter Deul